5 Jahre Ehe!
Ein Geschenk für meine Frau:
Besteigen einer 700m hohen Steilwand in der Schweiz
09.04.2011


33 Stunden Action.
  • Frankfurt - Ascona (Schweiz) - 8 Std. Fahrt.
  • Schlaf - 3 Std. insgesamt.
  • Klettern die 700m Steilwand/Ponte Brolla - 12,5 Std.
  • zurück nach Frankfurt - 9 Std. Fahrt.







5-jähriges Ehejubiläumsgeschenk  Was man nicht alles für seine bessere Hälfte tut!

Die Vorgeschichte

Meine Frau und ich haben uns Anfang 2005 kennengelernt. Wie? Die Welt des Internet hat uns verbunden durch die Millionen von Bits & Bytes, die keine Grenzen kennen. Sie war in Bulgarien, ich hier. Ich habe sie dann eingeladen, mit mir einen gemeinsamen Urlaub in den Dolomiten zu verbringen. Die Idee war, uns einfach kennenzulernen und zu schauen, ob wir zusammenpassen würden und füreinander bestimmt sind. Mir als Bergsteiger war wichtig, dass sie mich so kennenlernt und erlebt, wie ich bin: Ich liebe die Natur, erkenne das Wesentliche im Leben und bewerte Geld und Materielles zweitrangig. Das Klettern und das Erlebnis, alles gemeinsam zu meistern, in guten und schlechten Zeiten füreinander da zu sein und glücklich zu sein mit dem, was man hat und jeden Lebensaugenblick als etwas Besonderes zu empfinden.

Es war 2005, als wir uns zum ersten Mal am Flughafen in Frankfurt getroffen haben und gleich in die Dolomiten gefahren sind.

Es war ein sehr aufregender Urlaub. Wir sind jeden Tag geklettert. Sie hat so etwas noch nie probiert und musste viele Ängste überwinden und mit physischen und psychischen Anstrengungen kämpfen, aber sie war tapfer. Wir haben im Freien übernachtet, haben viel unternommen und haben uns die Chance gegeben, uns besser kennenzulernen und näherzukommen.

Anfang 2006 kam sie zu mir nach Deutschland und wir sind zusammengezogen. Am 31.03.2006 haben wir uns das Jawort gegeben. Ende 2006 hat unsere Tochter die Welt erblickt und seitdem leben wir gemeinsam unter einem Dach. Die Zeit, der Alltag läuft und läuft, man merkt nicht, wie schnell es alles geht. Wir sind eine sportliche Familie, nutzen jede freie Minute, um etwas Gemeinsames zu unternehmen und gemeinsam neue Ziele zu setzen und zu erreichen. Dadurch sammeln wir täglich neue Erfahrungen, die uns in schwierigen Situationen helfen, diese schneller zu verarbeiten und weiterhin mit einem Lächeln in die Zukunft zu schauen. Das Leben als Bergsteiger und Kletterer ist nichts anderes als ein normaler Alltag, wo so viele Herausforderungen privater und beruflicher Natur ständig an die Tür klopfen und verlangen, Verantwortung für sich und andere zu tragen. Verantwortung, die nichts anderes ist, als ob man unter einer großen und schwierigen Wand steht und beschließt, mit dem Partner zu versuchen diese hochzuklettern, das Ungewisse zu erkunden und den Gipfel zu stürmen.

Das Klettern

Jetzt  fünf Jahre später  hat sich bei uns nicht viel geändert. Wir entwickeln uns weiter, arbeiten, bezahlen unsere Rechnungen, freuen uns über Kleinigkeiten im Leben, trauern in schlechten Zeiten und Momenten, aber wir sind immer noch alle zusammen unsere kleine Familie. Und ganz wichtig: Wir klettern immer noch, auch unsere kleine 4 Jahre junge Tochter.

Am 31.03.2011 war es so weit und die Uhr hat uns gezeigt, dass schon fünf Jahre vergangen sind und es einen Grund zum Feiern gibt. Ich dachte, was soll ich wohl meiner Frau schenken, was wäre das passende für den Augenblick? Und dann war die Idee einfach da: Ich habe ihr als Geschenk vorgeschlagen, sie soll mit mir eine 700 m hohe und steile Wand in der Schweiz klettern. Schwierigkeitsgrad bis 8 UIAA, Abseilstrecke ca. 200 m, kompakter Granitfels, 18 Seillängen, Name: „Alhambra“.

Sie hat noch nie eine Route dieser Länge ausprobiert; das Längste, was sie mit mir gemacht hat, war gerade einmal 180 m hoch.  Auch das Abseilen hat sie nicht gelernt, denn auf dieser Tour musste man sich über 200 m nach dem Aufstieg abseilen. Eine riesige Herausforderung, weit über ihre Möglichkeiten  aber sie hat „JA“ gesagt…

Wir hatten einen Tag zur Verfügung. Unsere lieben Nachbarn, die Familie Gruhn, mit der wir friedlich zusammenleben und uns gegenseitig bei allem helfen und unterstützen, hat sich bereit erklärt, unsere Tochter Laura für zwei Nächte aufzunehmen, so dass wir allein in die Schweiz fahren und diese Wahnsinnsidee verwirklichen konnten.

Am 08.04.2011, gleich nach der Arbeit, saßen wir im Auto und haben den langen Weg Richtung Schweiz angetreten. Gegen 1 Uhr kamen wir endlich an und konnten uns bis zum Aufbruch um bis 4Uhr ausruhen. Da wir nicht so groß sind, passen wir gut in unseren Kombi, wo wir uns schnell in die Schlafsäcke eingekuschelt haben. Die Spannung vor dem Ungewissen war schon zu merken, wir konnten nicht so gut schlafen und eigentlich haben nur darauf gewartet, dass der Wecker um 4 Uhr klingelt. Mit Stirnlampe und Ausrüstung sind wir zur Wand losmarschiert. Es war ruhig, die Natur hat immer noch tief geschlafen, man konnte nur mystische Schatten im Licht der Stirnlampe erkennen. Es war warm, das Wetter sollte das ganze Wochenende so bleiben, sogar sehr warm werden. Ich wollte unbedingt so früh wie möglich aufbrechen. Schließlich lag eine sehr lange und schwierige Tour vor uns, und wir werden wohl mehr Zeit brauchen. Es war ziemlich schwer den Einstig in der Dunkelheit zu finden, und wir mussten oft hin und her laufen, bis wir ihn endlich fanden. Ab jetzt lag alles allein in unseren Händen  Erfolg oder Niederlage…

Die ersten zwei Seillängen sind nicht schwer und zum Einklettern und Aufwärmen sehr gut geeignet. Die Wand hat zwei Teile: Der erste besteht aus geneigten, sehr glatten Platten, der zweite aus senkrechten und teilweise überhängenden Platten.

Die schwierigsten Passagen kommen zum Schluss und man muss sehr genau die Kräfte beim Klettern verteilen, um weiterzukommen. Ich musste alles vorsteigen, führen und den Weg nach oben sichern. Meine Frau Verzjy ist als Zweite geklettert, hat das Klettermaterial gesammelt und wurde von mir am Seil gesichert. Es lief am Anfang alles sehr gut, zügig und ohne Probleme. Langsam kamen immer schwierigere Passagen, die bei Verjy langsam aber sicher Spuren hinterließen. Die engen Kletterschuhe drückten so stark, dass sie mit der Zeit nur mit Schmerzen auftreten konnte, und das hat sich natürlich auf ihre Psyche ausgewirkt.

Trotzdem kletterten wir weiter und weiter und mit jeder Bewegung, jeder Seillänge, kamen wir unserem Traum und Ziel immer näher. Wir waren ca. 400 m vom Abgrund entfernt, es wurde wärmer, die Sonne schien stärker. Verjy war sehr aufgeregt, ich musste sie beim Klettern immer mehr unterstützen, trotzdem wurde sie immer langsamer. Wir hatten 0,5 l Wasser und ein paar Bonbons im Rucksack. Bisher hat sie den Rucksack mit unseren normalen Schuhen getragen, doch dann habe ich mich entschieden, diesen zu übernehmen. So war es etwas leichter für sie, immerhin musste sie 3 kg weniger hochschleppen.

Sie war müde, sehr müde, sie hat gefragt, ob wir nicht an dieser Stelle umkehren und uns abseilen könnten. Wir waren aber schon ca. 400 m hoch, vor uns lagen noch ca. 300 m bis zum Gipfel. Es war besser und sicherer weiterzuklettern, als umzukehren. Es hat eine Weile gedauert, bis ich sie überzeugen konnte, dass wir keine andere Wahl haben wir müssen weiter. Das war die sicherste und einzig vernünftige Entscheidung, aber sie war nicht leicht zu treffen und es war schwierig, jemanden davon zu überzeugen. Sie musste weinen, um die Spannung abzubauen. Aber wir waren da, wir waren zusammen, wir waren ein Team und bis jetzt haben wir hart gearbeitet und es schon so hoch geschafft. 

Meter für Meter, Seil für Seil, immer weiter und weiter. Ich habe ihr das ganze Wasser überlassen und sie hat an den Standplätzen kleine Schlückchen getrunken. Ich habe ständig erklärt, wie es weiter geht, wo die schwierigen Passagen sind und sie beim Klettern unterstützt. Das half teilweise, aber nicht immer. Es war zu viel, einfach zu viel für sie.

Meine Gedanken haben sich mehr um die Frage gedreht, wie ich am besten die Situation unter Kontrolle bekomme, weiter sicher und gelassen zu klettern und Ruhe zu bewahren. Es sind nur noch ein paar Seillängen und der nahe Ausstieg ist schon zu spüren. Mit der Gewissheit, dass es doch nicht mehr so weit ist, hat sie sich allmählich beruhigt, und die letzten Meter zum Gipfel hat sie unter allen Umständen prima geschafft. Sie musste ständig an den Karabiner greifen und sich hochziehen, und ich musste blitzschnell das Seil stramm halten, damit Sie die paar hart erkämpften Zentimeter nach oben nicht wieder klettern musste.

Tief einatmen und ausatmen, im Bewegung bleiben, die Schmerzen zu ignorieren versuchen, hart sich nach oben heranarbeiten – für all diese Strapazen wurde sie mit einem glücklichen Augenblick auf dem Gipfel belohnt. Wir waren oben, wir waren auf dem Gipfel! 700 m senkrechte Wand lagen unter unseren Füßen. Wir waren erschöpft, aber glücklich. Jetzt mussten wir nur noch heil wieder hinunterkommen. Der Abstieg ist nicht gefährlich, ein steiler Pfad führt weg von der Wand über einen kleinen Klettersteig hinab bis zum Abseilstelle.

Ich dachte erst, jetzt ist alles vorbei, wir sind oben und der Weg nach unten ist kein Problem. Verjy war aber schon weit am Ende ihrer Kräfte angelangt und lief noch langsamer und unsicherer abwärts. Sie setzte sich ziemlich oft hin, ihr war schwindlig, das Wasser war auch längst alle. Der Weg ist normalerweise innerhalb von 15 Minuten zu schaffen, wir haben aber mehr als 1,5 Stunden gebraucht. Das einzige, was ich machen konnte, war sie zu motivieren.

Dennoch stand ihr eine letzte Herausforderung bevor – das Abseilen. An einer senkrechten Wand mussten wir uns 180 m abseilen. Es hat schließlich besser geklappt als ich dachte. Die Sicherheit und meine klaren Anweisungen haben ihr geholfen, sich zu konzentrieren und das Abseilen mit mir parallel am Seil mit dem Sicherungsgerät ohne große Probleme zu schaffen.

Die letzten Meter zum Auto waren schön. Hand in Hand sind wir gegangen und konnten genießen, dass wir etwas Großartiges erreicht haben. Ich habe meiner Frau gesagt: „Du, meine Liebe, das wirst Du nie vergessen … ist doch ein tolles Geschenk, oder?“

Unter Tränen hat sie mir geantwortet: „Ja, herzlichen Dank für die Unterstützung und für die tolle Tour; ich muss aber noch viel lernen.“ Sie hat wieder gelacht! Es war ein schönes Gefühl.

Man muss nicht immer etwas Materielles schenken, wenn es einmal einen Anlass gibt. Vor fünf Jahren haben wir unsere ersten gemeinsamen Schritte gewagt, heute will ich keinen einzigen Moment mit ihr vermissen. Es war nicht leicht, es wird auch nicht leichter, aber es lohnt sich. Die Erkenntnisse eines Glücks kommen immer nach dem Geschehen, nach dem Moment, nach dem man mit oder ohne Tränen in den Augen stolz sagen kann: „Es war mir eine Ehre es mit Dir gemacht zu haben…“

Emil Bergmann

Geprüfter Bergführer, Familienvater, Ehemann und ein ganz gewöhnlicher Mensch.